Im Alter von 4 Jahren verschwunden: Dolores sucht ihre Tochter Julia

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Im Alter von 4 Jahren verschwunden: Dolores sucht ihre Tochter Julia

Heute ist der 18.7.2018. Heute vor 34 Jahren wurde Julia geboren – die Tochter von Mama Dolores. Doch mit ihrem vierten Lebensjahr verschwand Julia. An diesem Tag ist Dolores mit ihrem Töchterlein bei der Schwiegermutter zu Besuch. Ihr Schwager und ein vierzehnjähriger Neffe sind ebenfalls dort. Der Schwager, damals selbst erst kleine acht Jahre alt, fragt Julias Oma, ob er sich ein Eis holen darf. Natürlich wollte Julia mit, doch Dolores verneint. Trotzdem gehen die beiden mit Julia heimlich nach draußen. Julia kehrt nie wieder zurück … 

Vor einigen Tagen bin ich bei Facebook zufällig über eine sehr sehr traurige Geschichte gestolpert. Fassungslos laß ich, was dort geschrieben stand. Ich entschied mich, die Mutter des verschwundenen Mädchens anzuschreiben. Und bekam Antwort. Diese Geschichte, Dolores Lebensgeschichte und die Suche nach ihrer Tochter, möchte ich heute mit euch teilen.

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wo ist julia

Julia kehrt nicht zurück, das Kind verschwunden. 

Dolores ist außer sich. Sie spürt, dass ihr Mädchen irgendwo sein muss. Sie versteht nicht, warum sie die einzige in der Familie ist, die sich sorgt, kein Auge mehr zu tut, die ihre kleine Herzdame vermisst.

Dolores Erinnerung an diesen Tag besteht nur noch aus Fragmenten. Jede Mutter kann dies nachempfinden, niemand aber wirklich nachfühlen …

Die Sorge, wenn das eigene Kind verschwunden ist – ich stelle sie mir unaufhaltbar grausam vor.

Dolores muss und will aktiv werden. Sie wird jedoch von ihrer damaligen Schwiegermutter immer wieder dazu angehalten, sich zu beruhigen, es wird schon nichts passieren – immerhin sei der 14jährige Neffe dabei, der passe schon auf.

Bis es plötzlich an der Tür klingelt. Eine Frau stellt sich als Ärztin vor und fragt ob sie ein Mädchen vermissen, es wäre eins ins Wasser gefallen. Der völlig verstörte 8jährige Junge steht neben ihr, der 14jährige Neffe hingegen war nach Hause gegangen. Feuerwehr und Polizei sind alarmiert und machen ihre Arbeit – niemand findet Dolores’ Tochter.

3 Wochen später klingelt die Polizei, man habe Julia gefunden. Wieder ist es die eigene Familie, die sich komisch verhält, berichtet Dolores. Ein Kollege von Dolores’ Schwiegermutter habe das Mädchen entdeckt – am Fluss. Das findet die Mutter seltsam. Sie kann ihre Gedanken noch nicht greifen, aber mit der ganzen Situation stimmt etwas nicht.

Dolores steht unter Schock. Sie möchte zu ihrem Kind, sofort! Man legt ihr nahe, dies nicht zu tun. Jeder in der Familie, auch die Polizei, rät ihr, die Tochter so in Erinnerung zu behalten, wie sie sie kannte. Den Anblick einer Wasserleiche vergisst man nie. Dolores denkt nach. Schweren Herzens fügt sie sich, weil auch sie nicht weiß, ob sie diesen Anblick ertragen könnte.

Der Tag der Beerdigung

Dolores trauert am Grab, der Sarg wird abgelassen. Zu schnell. Er fällt förmlich in das Loch. Was jetzt kommt, klingt nach dem Inhalt eines Hollywood Thrillers, ist aber die Geschichte von Mama Dolores: Der Sarg ist leer. Lediglich eine karierte Decke liegt darin. Julia ist nicht in diesem Sarg. Dolores weiß jetzt, dass sich das Gefühl, das nur eine Mutter haben kann, bewahrheitet: Ihre Tochter Julia muss am Leben sein – das hat sie immer gespürt.

Plötzlich begreift sie, warum alle um sie herum so gefasst waren, als die kleine Julia verschwand. Sie begreift, wieso man ihr abriet, ihre Tochter – eine angebliche Wasserleiche – noch einmal zu sehen. Sie weiß jetzt, dass sie kämpfen muss. Julia muss entführt worden sein …

Dolores sagt mir: „Mir ist in den letzten Jahren immer wieder ein Puzzlestück nach dem anderen dazu eingefallen. So zum Beispiel, das meine damalige Schwiegermutter eine ganze Woche lang nach der Arbeit zu uns kam und regelrecht nervte, wir sollten doch endlich unsere Wäsche auf dem Balkon abhängen (wir hatten damals noch keine eigene Waschmaschine). Ich bat sie mehrfach dies für uns zu tun, dann kämen wir sie holen, sobald wir Zeit dafür haben. Sie bestand jedoch energisch darauf, dass ich es an genau diesem Tag tue. Heute kann ich nur vermuten, dass es eventuell sogar ,geplant’ war, dass Julia an diesem besagten Tag verschwinden sollte.“

wo ist julia

 

Was Dolores damals noch nicht weiß: Sie ist nicht allein. Julia ist nicht das einzige Kind, dass zu dieser Zeit unter dem SED-Regime in der DDR verschwindet.

Nachdem ich Dolores Geschichte entdecke, recherchiere ich. Auf der Website des Deutschen Bundestag finde ich ein aktuelles Dokument des Petitionsausschusses. Grundlage dieser Anhörung war eine Petition der „Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR“ – Dolores heutiger Mann ist Pressesprecher der Gemeinschaft.

Ihr Schicksal teilen viele Eltern, ihre Geschichte ist kein Einzelschicksal. Es klingt traurig und unwirklich: Das DDR-Regime, so der Verdacht der Initiative, erklärte Kinder – meistens auch Säuglinge – von staatlichen Stellen für tot, tatsächlich aber seien diese Kinder zur Adoption freigegeben worden – meist in den Westen.

Diese Eltern, wie Mama Dolores, suchen seit teilweise mehr als 30 Jahren ihre Kinder. Sie spüren, dass sie nicht tot sind, sie haben sie nie aufgegeben. Sie glauben, dass ihre Kinder in den Adoptivfamilien ein neues Leben haben, ja sogar eine neue Identität bekamen, um die Suche nach ihren Kindern unmöglich zu gestalten. Keinesfalls möchten sie ihre Kinder aus diesem Umfeld reißen. Sie möchten einfach nur, dass sie wissen: Ich bin deine wirkliche Mama – du fehlst mir.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit. Dolores hat in der Zwischenzeit alles versucht, um ihr Kind wiederzufinden. Sie erzählt mir: „Im Jahr von Julias Verschwinden bat ich um die Graböffnung, um mich zu vergewissern, ob mein Kind dort wirklich beerdigt wurde, oder nur eine alte karierte Wolldecke. Denn genau das war es, was wir sehen konnten. Jedoch wurde ich 2 mal weggeschickt. Beim ersten Mal im Frühsommer mit der Begründung, es wäre zu heiß und deshalb gibt es gesundheitliche Bedenken für die Ausgräber. Das fand ich ja noch irgendwas nachvollziehbar. Dann aber ging ich im November wiederholt hin. Da schickte man mich wieder weg, mit der Begründung, es wäre jetzt zu kalt, der Boden zu hart. Heute weiß ich, dass das totaler Quatsch ist, da meine Mutter im November beerdigt wurde. Doch ich war damals gerade erst 23 Jahre alt und was in der ehemaligen DDR in Institutionen zu uns gesagt wurde, war ganz einfach gesetzt und wurde nicht hinterfragt. Nach der Wende stellte ich einen Antrag meine Stasiakte einsehen zu dürfen. Darin wird erkennbar, dass ich schon sehr früh bespitzelt wurde. Vermutlich sogar schon als Jugendliche. Dennoch ist alles, was mich vielleicht zu Julia führen könnte, geschwärzt – also nicht mehr lesbar.“

Die Betroffenen wie Dolores wünschen sich schnelle Aufklärung – und Gewissheit. Doch es gibt natürlich Schwierigkeiten. Viel Zeit ist vergangen. Es ist schwierig, dreißig Jahre alte Daten auszuwerten. Wie will man dies heute also erforschen und nachweisen? Was ist mit all den Mitwissern? 

Dolores gibt nicht auf. Sie geht an die Öffentlichkeit. Gibt in einer Zeitschrift ein Interview und schreibt diesen berührenden, offenen Brief auf Facebook:

„Julia, meine kleine Prinzessin – oder Herzdame – , wie du dich selber genannt hast. Es war zirka 1 Monat vor deinem Verschwinden. Du hattest im Kindergarten Fasching und ich habe dir dieses Kleidchen mit den Herzknöpfen angezogen. Du mochtest es sehr und sagtest zu mir: „Mutti, ne, ich bin eine Herzdame?“

Ganz oft, wenn ich dich aus dem Kindergarten abholte, gingen wir zum Bäcker, holten uns Kuchen oder für dich ein Eis. Dann gingen wir nachhause und ich machte mir einen Kaffee und du wolltest jedesmal einen Tee.  Um 16 Uhr kam damals im ZDF immer die Zeichentrickserie Heidi, die du sehr geliebt und auf die du dich immer total gefreut hat. Ich schaue Heidi heute manchmal noch und wünschte mir, du würdest es immer noch mit mir gemeinsam tun. Donnerstags hast du auf dem Heimweg vom Kindergarten immer gesagt: „Ne Mutti, heute kommt wieder Matlock!“ – Das war eine Vorabendserie, die du ebenfalls gern geschaut hast. Nachdem du dann den Sandmann geschaut hast, nahmst du deinen Schlafanzug, der immer schon auf der Sofalehne lag, du sagtest: „Mutti, nun gehe ich ins Bett, ne?“

Jedesmal musste ich schmunzeln, weil es so ein schönes Ritual war. Dein Lieblingstobespiel war übrigens die Aschtonne. Du lagst mit deinem Bauch auf meinen Fußsohlen und ich auf dem Rücken und ich sollte dich immer wieder in die Luft werfen. Du konntest gar nicht genug davon bekommen und hast jedesmal laut und herzhaft gelacht.

Du hast es auch geliebt, Spaghetti so langsam in den Mund zu ziehen, das dir der Ketchup in deinen blonden Haaren hing und wir anschließend dieselben waschen mussten.

Du warst ein sehr pfiffiges und lustiges, kleines Mädchen, das aber genauso sehr früh wusste, was sie will und was nicht. 
Zum Beispiel spieltest du nicht mit Puppen, sondern Autos oder Bausteine, am liebsten aus Holz. 
Liebe Julia, ich spüre das du irgendwo da draußen bist. Niemals in den letzten 30 Jahren habe ich die Hoffnung aufgegeben und aufgehört dich zu suchen. 
Ich wünsche mir so sehr, daß du dich an Hand meiner Beschreibung erkennst. 
Ich will dein Leben ganz bestimmt nicht durcheinander bringen, oder das deiner Adoptivfamilie. 
Ich möchte nur wissen, ob es dir gut geht.
Es fiel mir nicht leicht, diese Zeilen hier öffentlich zu verfassen, aber es ist eine Chance, dich meine süße Julia, endlich zu finden und hoffentlich ganz bald in meine Arme schließen zu dürfen.

Deine dich immer liebende Mama  💕 💕 💕

 

Dolores kämpft seit 30 Jahren. Sie hat erreicht, dass im August diesen Jahres eine Exhumierung stattfindet, damit sie endgültig Gewissheit hat. Sie muss wissen, ob sie 30 Jahre lang an der Nase herum geführt wurde .. oder ob sie, im allerschlimmsten Fall – endlich trauern darf.

 

Julia wäre heute 34 Jahre alt. Sie hat am 18.7. Geburtstag und wurde 1984 geboren. Sie hat eine Narbe an der Braue und verschwand am 6. April 1988 in Bützow. Julia war in Begleitung von Dolores Schwanger Heiko und dem Neffen Dennis.

Wenn du Julia bist, bitte melde dich. Wenn du etwas über Julia weißt, melde dich ebenso.

Liebe Dolores, ich bedanke mich für deine Offenheit und hoffe, dass du deine Tochter eines Tages wieder in deine Arme schließen kannst.

 

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9 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Wow, das ist heftig und mir rollen die Tränen einfach über das Gesicht. Ich kann und will eigentlich gar nicht glauben, dass so etwas in bzw. durch die eigene Familie passieren kann. Ich wünsche Dolores von ganzem Herzen, dass sie ihre Tochter wiederfindet und Julia die Möglichkeit hat zwei sie liebende “Elternpaare” in ihrem Leben zu haben!!

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Ich bin fassungslos, habe aber schon ähnliche Geschichten gehört. Ich habe auch so viele Fragen, was sagen denn der Neffe und der Schwager was damals passiert ist? Ich hoffe so sehr Dolores bekommt die Chance auf Gewissheit egal wie sie ausgeht. Oh man

Antworten
    Dolores Schumann
    18. Juli 2018 21:33

    Leider halten sich beide Jungen seid damals bedeckt. Zum damals 8 jährigen Heiko habe ich über seine Schwester mehrmals versucht Kontakt aufzunehmen, um etwas zu erfahren. Er weigert sich sehr wehement bis heute.

    Antworten

Ich bin sehr bestürzt, was Dolores all die Jahre durchmachen musste.. Aber auch ich habe viele Fragen in meinem Kopf. Was sagen der Neffe und der Schwager heute? Was der Rest der Familie? Es muss doch Anhaltspunkte geben .. oder ist das Dolores zu persönlich? Ich drücke alle Daumen, dass Julia eines Tages gefunden wird. ❤️

Antworten

was ist mit den anderen aus der familie? wie können sie das mittragen? es ist so schlimm. dolores, ich bewundere dich!

Antworten
    Dolores Schumann
    18. Juli 2018 21:37

    Beate, das Thema wurde totgeschwiegen. Ich musste allein damit klar kommen. Gott sei Dank habe ich heute eine Familie die hinter mir steht und einen Mann der mich in allem unterstützt.

    Antworten

An erster Stelle mein tief empfundenes Mitgefühl, ich glaube man kann das gar nicht als Dritter vollständig erfassen, einfach nur grausam. Ich verstehe aber einen Part in der Erzählung nicht. Oben wird der Tag der Beisetzung beschrieben und die Feststellung, dass der Sarg leer sei (“Julia ist nicht in diesem Sarg. Dolores weiß jetzt, dass sich das Gefühl, das nur eine Mutter haben kann, bewahrheitet: Ihre Tochter Julia muss am Leben sein – das hat sie immer gespürt.”) Woher wussten Sie das damals schon, wenn Sie erst jetzt im August das Grab öffnen lassen? Wie auch immer, ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft und vor allem, dass Ihre Suche Erfolg haben möge, dafür drücke ich Ihnen von Herzen die Daumen!

Antworten
Tanja Martinek
31. August 2018 15:04

Konnten Sie nun endlich, endlich Gewissheit durch eine Graböffnung erlangen?

Antworten
neverland 4_777
31. Dezember 2018 3:38

Ich habe auch solches Gefühl, dass meine Tochter Julia nicht tot ist, https://www.waz.de/staedte/duisburg/a59-richtung-duesseldorf-bis-15-uhr-gesperrt-id212392369.html

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