„Sie können nicht die ganze Welt retten“

„Sie können nicht die ganze Welt retten“

Am ersten Weihnachtstag musste ich mal wieder zum Doc. Nun ist das so eine Sache mit Arztbesuchen am ersten Weihnachtstag. Logischerweise sind alle Praxen geschlossen und alle sind in Feierlaune. So war eigentlich auch mein Plan gewesen. Stattdessen kamen meine Ohren-Beschwerden zurück, die ich erstmals am Tag vor der Abreise in Kambodscha hatte. Quasi exakt vier Wochen später waren sie zurück. Ich entschied mich also, ins Krankenhaus zu fahren und Stunden im Wartebereich zu verbringen, anstatt mit den Kindern bei Oma Weihnachten zu feiern.
Der Arzt untersuchte mich und fragte, seit wann ich diese Probleme mit den Ohren habe. Ich erzählte ihm von Kambodscha. Wie viele andere Menschen, die von meiner Reise zum ersten Mal hören, fragte auch er prompt: „Und? War das ein toller Urlaub? Ist ein schönes Land, oder?“
Und ich: „Ja, es ist ein sehr Schönes aber auch ein sehr armes Land und ich war nicht dort, um Urlaub zu machen, ich besuchte ein Kinderdorf.
Wir kamen ins Gespräch, er stellte noch ein, zwei weitere Fragen. Ich berichtete von der Mangelernährung vieler Kinder und dem HIV-Problem in Kambodscha.
Der Arzt hielt inne und sagte dann: „Sie können nicht die ganze Welt retten, das ist Ihnen schon klar, oder?“

Natürlich ist mir das klar. Die Welt will und wollte ich auch nicht retten. Na gut, wenn ich es könnte, würde ich es tun. Aber ich kann es nicht tun. Niemand kann das. Politik kann Weichen stellen. NGOs können sich vor Ort um arme Kinder kümmern. Eine einzelne Person kann aber nur bedingt etwas bewirken, wenn es um kleine Menschen in Not geht. ​

Mein Verstand weiß das alles. Und doch hat mich dieser Satz von diesem Arzt nachhaltig geärgert. Am Abend musste ich ständig über seine Worte nachdenken, weil mir daran vor allem missfällt, dass es sich Menschen mit einem Satz wie diesem einfach machen. Es klingt so läppsch, fast schon respektlos. Vor allem aber sagt es im Subtext: “Warum machst du das überhaupt alles? Bringt doch eh nix!” 

Es ist sehr einfach zu sagen: „Du kannst ja eh nichts machen!“  
Hingegen ist es nicht einfach zu sagen: „Du kannst wenig machen, aber du kannst es versuchen. Etwas tun ist besser, als nichts tun.” 

Es widerstrebt mir moralisch, zu sagen: Ich kann ja eh nichts unternehmen. So bin ich nicht.
Es widerstrebt mir, weil ich weiß: Doch, im Kleinen kann ich was tun. Jeder von uns kann das.

Ich habe es nämlich mit eigenen Augen gesehen. Ich habe gesehen, was es bewirkt, wenn Menschen anpacken und Kinder aus der Armut holen.
Ich habe gesehen, was passiert wenn Blogger wie ich darüber berichten.
Dass man mit Berichterstattung andere zum Nachdenken bringen kann.
Dass Berichterstattung ermöglicht, Spenden zu sammeln, die auch wirklich genutzt und eingesetzt werden.

Wusstet ihr, dass im vergangenen Jahr 17 Millionen Deutsche* gespendet haben? Die Zahl der Spendenbereitschaft sinkt zwar, aber: Diejenigen, die Spenden, die tun dies häufiger im Jahr. Und zwar für den guten Zweck, für Menschen in Not!
76,8 Prozent** der Privatspenden in Deutschland wurden 2017 für humanitäre Zwecke gespendet. Das ist eine Menge!

Wenn diese 17 Millionen Deutschen alle denken würden: „Machen kannst du ja eh nichts“ – wo wären wir denn da?

„Machen kannst du ja eh nichts.“
Ich glaube, jeder, der sich ehrenamtlich für eine Sache engagiert, hat diesen Satz schon einmal gehört. Und auch das sind nicht wenige Menschen. Aber, wie viele eigentlich?
Ich lese nach und finde bei Statista folgende Zahlen: Im Jahr 2017 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre rund 14,89 Millionen Personen, die ein Ehrenamt hatten bzw. unentgeltlich in einer Bürgerinitiative, einem Sportverein, einer sozialen Organisation oder Ähnlichem tätig waren. (***)

„Machen kannst du ja eh nichts.“ Das habe ich schon Ende 2016 von Menschen gehört, als ich begann, mich mit Flüchtlingshilfe auseinanderzusetzen. Doch, doch, doch, ich kann! Ich kann nichts in Syrien ausrichten, das ist korrekt. Aber ich kann einer Familie helfen, die hierher flüchten musste. Und das habe ich getan.
Ja, es ist nur eine Familie. Aber es gibt so so viele Menschen, die aktiv in der Flüchtlingsarbeit sind. Und mit all diesen ehrenamtlichen können eben viele Flüchtlingsfamilien unterstützt werden.

Ehrenamtliche Helfer, ganz gleich ob in Kambodscha oder hier in Deutschland übernehmen häufig Aufgaben, für die eigentlich staatliche Stellen zuständig wären. Wenn der Staat es aber nicht tut, können wir das tun.
Ich dachte viele Jahre: Ich hab doch gar keine Zeit für Ehrenamt. Wenig Zeit habe ich in der Tat als Mutter von zwei Kindern. Ein regelmäßiges Ehrenamt einmal pro Woche, wie es viele Helfer zum Beispiel bei der Tafel machen, das würde ich auch nicht schaffen.

Was ich aber schaffe ist: Kleidung an Bedürftige zu geben oder Geld an die richtigen Stellen spenden. Das sind Kleinigkeiten. Aber sie sind machbar für mich. Ich verstecke mich nicht hinter „Du kannst eh nichts machen.“

Und wenn mir noch mal jemand sagt:
„Sie können nicht die ganze Welt retten, das ist Ihnen schon klar, oder?“
Dann sage ich: “Die ganze Welt war auch nicht mein Plan.” 

Quellen: */ ** Deutscher Spendenrat, *** Statista

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