“Der Kontakt mit Risiken gehört zum digitalen Alltag aller”

“Der Kontakt mit Risiken gehört zum digitalen Alltag aller”: Digital-Fragen an Dr. Martin Hermida

Dr. Martin Hermida ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien und Schule (IMS) der Pädagogischen Hochschule Schwyz. Als Leiter des Studiengangs Fachdidaktik Medien und Informatik hat er jüngst die aktuellste “EU Kids Online Schweiz”-Studie verantwortet. Zum Netzwerk von “EU Kids Online” gehören Forschende in mehr als 30 Ländern, die seit über zehn Jahren die Internetnutzung und die damit verbundenen Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche untersuchen. Ich freue mich sehr, dass sich Dr. Martin Hermida Zeit für meine Fragen rund um Medienkompetenz, Cybermobbing, sexuelle Inhalte und Kontakt mit Fremden im Internet genommen hat.

 

kinder digital begleiten hermida

Herr Dr. Hermida, Sie haben jüngst die Ergebnisse Ihrer Internet-Studie „EU Kids Online Schweiz“ veröffentlicht. Welche Ergebnisse haben Sie am nachhaltigsten überrascht?

Für mich stechen drei Befunde heraus. Erstens ist der Kontakt mit Risiken nicht mehr etwas, dass nur bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen betrifft, sondern zum digitalen Alltag von allen gehört. Zweitens wissen jüngere Nutzer, die Accounts auf Social Media-Seiten oder auf Gaming-Seiten haben oft nicht, wie man unangenehme Nutzer und Inhalte blockiert oder meldet. Und drittens hätte ich nicht gedacht, dass der Anteil Befragter, die schon erfolglos versucht haben, weniger Zeit im Internet zu verbringen, so groß ist (23%).

In Ihrem Bericht schreiben Sie, dass der Kontakt mit problematischen nutzergenerierten Inhalten das häufigste Risiko für Kinder im Netz ist und somit 51% der befragten Kinder betrifft. Dabei geht es um Inhalte mit blutigen oder gewalthaltigen Bildern. Diese Inhalte suchen Kinder jedoch nicht aktiv. Wenn Kinder aber nicht aktiv danach suchen, wie gelangen diese Bilder auf die Geräte der Kinder und Jugendlichen?

Das haben wir nicht explizit gefragt. Solche Inhalte werden aber meist angeschaut oder geteilt, weil sie Aufmerksamkeit erregen. Und wenn alle über etwas ekliges/brutales sprechen, dann möchte man halt manchmal wissen, über was sich denn da alle so aufregen. Mit „nicht aktiv“ ist gemeint, dass die Befragten nicht systematisch das Netz nach solchen Inhalten durchsuchen.

Risiken im Internet sind für Kinder und Jugendliche keine Besonderheit mehr – sie erleben dies als alltäglich, so Ihre Ergebnisse. Dabei gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtergruppen, Mädchen und Jungen sind also gleichermaßen betroffen?

Ja, in der Regel sind sie gleichhäufig betroffen. Manchmal gibt es kleine Unterschiede bei den Umständen: Mädchen erleben Mobbing eher über direkte Nachrichten und soziale Medien, Jungen eher in Online-Spielen. Mädchen reagieren häufiger negativ auf sexuelle Inhalte als Jungen. Aber wenn es Grundsätzlich um den Kontakt mit Risiken geht, gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen.

Sie zitieren in Ihrem Ergebnisbericht ein 12jähriges Mädchen, dass auf die Frage „Welche Dinge im Internet sind für Kinder in deinem Alter störend oder unangenehm?“ antwortet: Bilder von Erwachsenen, die ihrem Kind etwas antun. Ich habe solche Bilder noch nicht gesehen – auch nicht zufällig. Wie gelangen solche Bilder an Kinder?

Es gibt unterschiedliche Kanäle, wie man mit solchen Inhalten in Kontakt kommen kann. Einerseits werden solche Videos oder Bilder unter den Jugendlichen geteilt. Manchmal um sich hervorzutun, weil man etwas besonders Schlimmes hat, dass andere beeindruckt oder anwidert. Manchmal auch, weil man so etwas gesehen/zugeschickt bekommen hat und man es einfach jemandem zeigen muss, um sicherzugehen, dass andere das auch total daneben finden. Man kann aber durchaus auch zufällig mit solchen Inhalten in Kontakt kommen. Zum Beispiel über soziale Medien, die solche Inhalte zu spät entfernen, oder durch eine Bildersuche auf Google.

kinder im internet

Mit welcher Art der sexuellen Darstellung werden Kinder im Internet am häufigsten konfrontiert?

Am häufigsten gaben uns die Kinder an, dass sie im Internet auf Abbildungen von nackten Körpern gestoßen sind. Das berichten 70% der Befragten, wobei der Anteil von 41% bei den 11/12-Jährigen auf 79% bei den 15/16-Jährigen ansteigt. Deutlich weniger Kinder und Jugendliche kommen mit gewalthaltigen sexuellen Darstellungen in Kontakt (22%). Wobei hier nur 5% angeben, dass sie solche Darstellungen auch sehen wollten.

Cybermobbing-Fälle kamen bei den von Ihnen befragten Kindern und Jugendlichen recht selten vor, dennoch gaben 20 % derer, die bereits Opfer von Cybermobbing wurden, an, mit niemandem darüber zu sprechen – auch nicht mit ihren Freunden. Was können – oder müssen – Eltern und Schulen präventiv für den Opfer-Schutz tun?

Bei dem Begriff Cybermobbing ist Vorsicht geboten. Die Zahlen bezüglich Cybermobbing sind seit Jahren relativ konstant. Mit Cybermobbing sind streng genommen nur die wirklich schweren Fälle gemeint – also nicht einfach einmalige Vorfälle, die tatsächlich häufiger vorkommen – sondern systematisches Mobbing einer Person über eine längere Zeit. Zwei Faktoren scheinen mir diesbezüglich besonders wichtig: Ersten müssen die Kinder und Jugendlichen dazu angehalten werden, mit Erwachsenen Personen darüber zu sprechen, und zwar auch, wenn Freunde oder Freundinnen betroffen sind. Zweitens müssen besonders jünger Nutzer auch lernen, wie man unpassende Inhalte/Nachrichten oder störende Nutzer in Apps melden oder blockieren kann.

Anlaufstelle für Kinder, die unangenehme oder schlimme Erfahrungen im Netz machen, sind laut Ihrer Studie zu 41 Prozent die eigenen Freunde oder Freundinnen. Warum spielen Eltern da eine untergeordnete Rolle?

Dafür dürfte es unterschiedliche Gründe geben. Oft wissen die Eltern wenig über die Dienste, Apps oder Gepflogenheiten der Internetnutzung – daher werden sie nicht immer als erste Anlaufstelle wahrgenommen. Gleichzeitig ist das Internet auch ein Raum, in dem Kinder und Jugendliche selbstständig unterwegs sind und nicht immer gleich die Eltern auf den Plan holen wollen. Aber manchmal befürchten Kinder und Jugendliche auch einfach, dass die Eltern mit Verboten oder Einschränkungen reagieren und sagen deshalb lieber nichts. Gerade hier scheint es mir wichtig, mit einer offenen und verständnisvollen Haltung Kinder und Jugendliche zu ermutigen, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

dr martin hermida

Eine große Sorge vieler Eltern ist, dass ihre Kinder im Internet Kontakt zu Fremden bekommen, woraus reale Treffen entstehen. Interessanterweise kommt dieser Kontakt nicht immer zufällig zustande – Laut Ihrer Forschungsergebnisse nutzen Kinder das Internet auch, um neue Freunde zu finden. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Mich hat überrascht, dass bereits unter den 11/12-Jährigen 30% angaben, das Internet zu nutzen, um neue Freunde zu finden. Andererseits ist das auch ein schönes Ergebnis. Wir wünschen uns ja Kinder, die offen für Neues sind und mit Interesse hinaus in die Welt gehen. Und was läge da näher, als neue Menschen treffen zu wollen? Andererseits birgt dieses Verhalten natürlich auch ein Gefahrenpotenzial. Darum ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen hier praktikable Verhaltensregeln zu vermitteln.

Inwiefern können Kinder einschätzen, dass sie sich ggfls. nicht mit gleichaltrigen real treffen?

Absolute Sicherheit gibt es nie. Wenn Sie die aktuellen Fälle von Love Scams anschauen, ist es auch für Erwachsene nicht immer einfach zu wissen, wer sich wirklich hinter einem Kommunikationspartner verbirgt. Beim Kommunizieren im Internet gilt deshalb, nicht zu viel von sich preiszugeben. Beim Treffen mit Internetbekanntschaften ist es am sichersten, wenn Kinder und Jugendliche eine erwachsene Person mitnehmen. Von den Kindern und Jugendlichen, die schon einmal jemanden aus dem Internet getroffen haben, war es aber für 80% eine positive oder neutrale Erfahrung.

Immer wieder ein großes Thema unter Eltern ist die Frage nach der Nutzungszeit, also: Wie viel Medienzeit ist in welchem Alter okay? Nun hat Ihre Forschungsarbeit ergeben, dass selbst eine moderate Nutzungszeit bei Kindern negative Konsequenzen auf das Sozialleben haben kann, … umgekehrt gibt es aber auch Kinder, die trotz hoher Nutzungszeiten ein funktionierendes Sozialleben haben … 

Die Regulation der Nutzungszeit ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Drei Bereiche sind dabei wichtig. Erstens ist Nutzung nicht gleich Nutzung: 1h eine Tierdokumentation zu schauen ist nicht das gleiche wie 1h Scripted Reality. Zweitens haben Eltern manchmal Mühe, wenn Kinder sich von Medien einfach unterhalten lassen – dabei ist das auch ein legitimer Grund, Medien zu nutzen und gerade die Eltern nutzen ja das TV auch oft zur Unterhaltung. Wenn es um die Nutzungszeit geht, sind Eltern drittens gut beraten, darauf zu schauen, was das Kind neben der Mediennutzung noch macht. Bekommt es genug Schlaf? Hat es ausreichend Zeit und Energie für Hausaufgaben? Hat es auch Zeit zum Austausch in der Familie, zur Pflegen von Freundschaften und für ausreichend Bewegung/Sport? Solange diese Fragen mit «Ja» beantwortet werden, besteht in der Regel kein Grund zur Sorge. Einige der Befragten haben uns angegeben, dass sie schon erfolglos versucht haben, weniger Zeit im Internet zu verbringen – die Kinder sind also mit ihrer eigenen Nutzungssituation auch nicht immer zufrieden.

Jeder ist im Internet Risiken auseinandergesetzt – insbesondere unsere Kinder. Welche Präventionsmaßnahmen empfehlen Sie und welche Rolle können Eltern hier einnehmen?

Der wichtigste Punkt ist, dass Kinder über unangenehme Erlebnisse sprechen. Bei kleineren Vorkommnissen mag das durchaus auch mit einem Gespräch unter Freunden erledigt sein. Bei schwerwiegenderen Dingen sollte unbedingt eine erwachsene Person beigezogen werden. Seitens der Erwachsenen ist es dabei wichtig, dass wir Kindern zuhören und ihnen zu verstehen geben, dass sie sich jederzeit an uns wenden können ohne Angst vor Sanktionen haben zu müssen.

martin hermida interview

Kennen Kids und Teens ihre eigenen Apps, also wissen sie in der Regel, wie sie sich selbst schützen können, zum Beispiel in sozialen Netzwerken (durch melden, blockieren, etc.)?

Die älteren Kinder kennen sich gut mit den Möglichkeiten des Blockierens und Melden von Nutzern und Inhalten aus. Sie machen davon auch oft Gebrauch. Aber viele der jüngeren Nutzer, die eben auch Profile auf sozialen Netzwerken oder auf Gaming-Seiten haben, kennen diese Funktionen nicht. Diese Kompetenzen auch jüngeren Nutzern zu vermitteln wäre ein wichtiger Schritt.

Neben Dänemark und den Niederlanden gilt insbesondere die Schweiz als Vorreiter in Sachen digitale Medien im Schulalltag bzw. Lehrplan. Was bedeutet das konkret für den Schulalltag von Schweizer Kindern? 

Dieser neue Lehrplan ist in vielen Kantonen in der Schweiz gerade in der Umsetzungsphase. Das Resultat ist nicht überall das gleiche, weil das Schulsystem föderalistisch organisiert ist und jeder Kanton selber über die konkrete Umsetzung entscheiden kann. Kinder und Jugendliche kommen deshalb bereits im Kindergarten und/oder der Unterstufe mit Inhalten zum Thema Medien und Informatik in Kontakt. Dabei geht es aber nicht in erster Linie darum, wie man Medien nutzt, sondern darum etwas über Medien und Informatik zu lernen. Im Bereich Medien lernen die jüngsten Kinder zum Beispiel, wie sich Medienerlebnisse von Erlebnissen in der realen Umwelt unterscheiden: Wir regen sie dazu an, darüber nachzudenken, wie sich ein Fußballspiel im Stadion, am TV und auf der Spielkonsole unterscheiden. Die ältesten lernen dann zum Beispiel, welche Funktionen die Medien für die Gesellschaft übernehmen und wie Social Media und Social Influencer ihr Geld verdienen.

Ich bedanke mich für den Einblick in Ihre Arbeit.

 

Porträt und Publikationen Dr. Martin Hermida: Pädagogische Hochschule Schwyz

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