Kinderfotos im Netz

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Kinderfotos im Netz

Die Diskussionen um “Kinderfotos im Netz” sind immer wieder präsent in Social Media. Das ist gut, das ist wichtig, weil wir unseren eigenen Weg eben auch nur dann finden und schärfen können, wenn wir andere Perspektiven kennen. ABER: In der Diskussion geht es häufig eher um JA oder NEIN, ergo “schwarz” oder “weiß”. Dabei gäbe es vielleicht auch einen Mittelweg. Vielleicht nicht für alle und jeden, aber für die, die finden: Kinder sind Teil des Lebens, Kinder müssen auch Teil von Social Media sein. Es geht also um die Frage des “Wie?”
kinderfotos im netz
Kinderfotos im Netz sind für viele ein Erinnerungs-/Familienalbum mit Blick auf die schönen Dinge, das (stolze) Teilen von Ideen und Alltag oder allem, was Spaß macht. Es sind mal kleine Ausschnitte aus dem Familienalltag, häufig Austausch, oft Aufklärung. Doch Kinderfotos im Netz, die von Eltern gepostet werden, stehen unter Beobachtung und erfahren scharfe Kritik. Zum einen, weil diese Bilder missbraucht werden können und sich niemand davor schützen kann. In diesem Punkt ist also jegliche Kritik faktisch berechtigt. Pädosexuelle können sich an Kinderfotos bedienen, perspektivisch könnten Mobber “Futter” durch die Postings auf dem Silbertablett geliefert bekommen. Da kann an sagen “Ja, dann sollten Eltern eben nichts posten, das schützt ihre Kinder”, und hätte gewissermaßen sogar recht. Oder man sagt: “Aber das geht doch nicht, ein Internet ohne Familien und Kinder wäre ein ganz schreckliches Internet”, und läge auch damit nicht falsch. Allerdings ist es viel komplizierter. 
Bislang gibt es in der Diskussion, wie in jeder Debatte auch, Befürworter und Kritiker. Die Kritiker finden:
kinderfotos im netz Und jeder der aufgeführten Punkte ist korrekt, weil diese Dinge passieren. Das wissen auch die Befürworter. Aber die haben eben auch – nachvollziehbare – Argumente.
kinderfotos im netz
Ich persönlich habe nach meiner zweiten Schwangerschaft viel Hilfe und Austausch in Blogs gefunden. Dadurch, das ich gesehen habe, wie andere Familien leben, erziehen, begleiten, konnte ich meine eigene Mutterschaft neu denken, anderes ausprobieren, “Erwartungen” an mich und mein Kind gedanklich korrigieren. Trotzdem muss ich sagen: Es hätte nicht immer Kinderfotos gebraucht, Themen können auch ohne Kindergesichter aufbereitet werden. Gestört haben mich die Bilder nie. Ich habe auch öfters Kinderbilder gepostet! Bis ich meine Recherchen zu “Kinder digital begleiten” gestartet habe und andere Seiten des Webs gesehen habe. Ich lese immer noch Blogs, ich folge Familienaccounts bei Instagram, ich habe die Sache mit den Fotos für mich mittlerweile etwas runtergefahren und zeige meine Kinder nur noch selten. Verurteilen möchte ich keinen. Außer diejenigen, die Schindluder mit Kinderfotos betreiben. Und klar, wenn ich 100%igen Schutz für mein Kind möchte, poste ich einfach nichts. Niente. Das steht jedem frei. Ich beobachte bei vielen Accounts und Bloggerkollegen das durchaus ein reflektierter Umgang mit dem Thema stattfindet. Eine ganze “Branche” anzuprangern halte ich für nicht diskutabel und wünsche mir mehr Differenzierung.
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Allerdings wird die Diskussion natürlich auch geführt, weil es eben schon Eltern gibt, die moralische und rechtliche Grenzen überschreiten. Eltern, die ihre Community in gefühlt jeder Sekunde des Alltags mit in ihr Familienleben nehmen. Und eine Community, die das Kind oder die Kinder in der Windel, beim Stuhlgang, verkabelt im Krankenhaus oder verzweifelt in einer Notsituation sehen kann. Eltern, die über die Handykamera mit dem Kind sprechen anstatt die direkte Ansprache zu wählen und sogar beim Vorlesen die Kamera dabei haben. Das sind Momente, die sind mir zu privat, die will ich nicht sehen, und die verletzten mitunter die Rechte von Kindern.

Kinderfotos für Aufklärungsarbeit

In meiner Instagram Story habe ich mit Michaela und Katharina gesprochen. Die Kinder der beiden Frauen haben Beeinträchtigungen, für sie ist es also unter dem Aspekt der Aufklärung besonders wichtig zu zeigen, dass ihre Kinder ein Recht auf Leben haben. Ihre Beispiele machen deutlich, dass es diesen Mittelweg gibt und braucht. So sagt Michaela:

Ich zeige mein Kind im Netz, um anderen zu zeigen, dass ein Leben mit einem Kind mit Beeinträchtigungen ganz normal sein kann. Um Berührungsängste zu nehmen und zu zeigen: das Leben ist nicht zu Ende! Und um einfach zu sagen: Katharina ist ein Mädchen, ein liebenswertes Mädchen, ein hübsches Mädchen, auch wenn sie Trisomie 21 hat. Ihr Leben ist lebenswert.

Und da kommen wir natürlich in einen ganz wichtigen Bereich. “Menschen mit Down Syndrom wurden lange in der Gesellschaft versteckt”, sagt Katharina vom Blog Sonea Sonnenschein. Ein Bewusstsein für diese Kinder findet nur statt, wenn man offen damit umgeht und zeigt: Diese Kinder sind Kinder wie andere auch.

Wie verhält es sich mit den offiziellen Empfehlungen? 

Wenn sich Eltern also fragen: Wie kann ich denn mein Kind zeigen, ohne seine Rechte zu verletzten, dann schauen wir doch mal auf die offiziellen Empfehlungen. Das Deutsche Kinderhilfswerk sagt: Es ist okay, Alltagsmomente mit Kids festzuhalten. Und es ist auch okay, diese Fotos mit anderen zu teilen. Es ist aber nicht okay, wenn dabei die Rechte von Kindern auf Privatsphäre, Schutz und Beteiligung verletzt werden. Das DKHW hat die Kampagne„Denken, Fragen, Posten“ ins Leben gerufen und für Eltern eine 6-Punkte Liste veröffentlicht. Auch gibt es auf der Website Tipps, wie Kinderbilder sicher stattfinden können. Das kann dann zum Beispiel in diese Richtung gehen:

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Was DARF ich als Mutter oder Vater gesetzlich eigentlich? 

Es gibt einen klaren Rechtsrahmen aus Grundrechten, dem Recht am eigenen Bild, Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, Datenschutzrecht, Urheberrecht und BGB: 
  1. Zum Allgemeinen Persönlichkeitsrecht gehört das Recht am eigenen Bild. Es schützt den höchstpersönlichen Lebensbereich. Nicht nur von Kindern übrigens. Bei Kindern aber wird dieses in aller Regel vom Erziehungsberechtigten wahrgenommen. Das Landgericht Frankfurt am Main hatte im Mai 2015 klargestellt, dass das Recht am eigenen Bild nicht nur für die sozialen Medien, sondern z.b. auch für Messenger wie WhatsApp gilt.
  2. Im BGB steht: Kinder bis sieben Jahre gelten als geschäftsunfähig (§ 104 BGB). Sie können die Tragweite ihrer Entscheidungen noch nicht abschätzen, somit entscheiden die Eltern. Ist das Kind älter als sieben Jahre, also zwischen 8 und 17, ist es nach § 106 BGB eingeschränkt geschäftsfähig: Eltern entscheiden mit dem Kind gemeinsam, die Entscheidungsgewalt wird geteilt. 
  3. Man geht aber auch davon aus, das Kinder mit 14 Jahren eine erreichte Einsichtsfähigkeit besitzen und dann selbst entscheiden können. 
  4. Laut Datenschutzgrundverordnung ist die Grenze ab 16, das man also spätestens ab dem 16. Lebensjahr Kinder fragen muss.
Ein Tipp an dieser Stelle: In Bezug auf die Persönlichkeitsrechte von Kindern hat Jugendschutz.net im Herbst 2019 einen Report veröffentlicht, und geprüft, wo eigentlich Persönlichkeitsrechte im Netz verletzt werden. Super interessant, könnt ihr euch auf deren Website kostenlos runterladen

Kinderfotos im Netz: Eine typisch deutsche Diskussion?

Tatsächlich findet man unter US-amerikanischen Instamom-Profilen viel weniger Kritik als unter deutschen Accounts, das aber kann auch daran liegen, dass die einen schneller im löschen sind als die anderen. Oder aber es gesellschaftlich “nicht so stört”, wie hierzulande. Aber: Wissenschaftlich wird in Bezug auf Kinderfotos im Netz und Sharenting international geforscht. Ich habe Studien in Polen, Australien, Großbritannien und in den USA gefunden. Dort zum Beispiel forscht die Juristin und Wissenschaftlerin Stacey Steinberg im Bereich Eltern, die Fotos und Texte über ihre Kinder online teilen und stellt das den Interessen der Kinder und ihrer Privatsphäre gegenüber. 
Steinberg will auf die Schäden hinweisen, die entstehen können und sagt: Eltern fungieren einerseits als Wächter über die persönlichen Informationen ihrer Kinder, andererseits erzählen sie persönliche Geschichten ihrer Kinder. Das sei also eine doppelte Rolle, wenn es um die Online-Identität ihrer Kinder geht. Somit bestehe ein Interessenskonflikt, weil Kinder sich eines Tages über die Enthüllungen, die ihre Eltern Jahre zuvor gemacht haben, ärgern könnten. Also: Selbe Diskussion wie hier im deutschsprachigen Raum. 
Die Frage, die sie aufwirft: Haben Kinder ein Recht oder ein moralisches Recht, ihren eigenen digitalen Fußabdruck zu kontrollieren? Das finde ich persönlich – für mich und meinen eigenen Lebensbereich – sehr spannend, denn die Antwort kann sich nur jeder selbst geben und kommt damit dem eigenen Weg näher bei der Beantwortung darüber, was man eigentlich teilen mag. 
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Steinberg empfiehlt, dass Eltern die Datenschutzrichtlinien kennen sollten: Und damit meint sie die Seiten, auf denen Eltern Inhalte teilen. Als Beispiel an dieser Stelle, das erwähne ich in dem Zuge auch immer in meinen Onlinekursen: Wenn ich einen Beitrag bei Instagram oder Facebook poste, räume ich laut AGB den Anbietern die Nutzungsrechte ein. Theoretisch also könnten Instagram oder Facebook mit meinen Fotos Werbung schalten. Kam bisher allerdings nicht vor, außer bei TikTok. Dort gab es 2019 einen kleinen Eklat, weil das Unternehmen mit Nutzer-Content Werbung geschaltet hatte.
Steinberg rät davon ab, den tatsächlichen Aufenthaltsort oder den vollständigen Namen von Kindern zu teilen und älteren Kindern immer ein “Vetorecht” einzuräumen. Damit gehe ich absolut d’accord. Mit Klarnamen im Netz sowie Standortmarkierungen sollte man bei Kinder immer äußerst vorsichtig sein! 
Was mich ein bisschen erschreckt hat: Steinberg sagt, Eltern sollten ihren Kindern nie öffentlich zum Geburtstag gratulieren. Weil: Dadurch werden Identifizierungsinformationen über unsere Kinder mit Menschen geteilt, die ihnen möglicherweise Schaden zufügen wollen. 
Und weiter las ich:
Forscher der New York University haben Namen und Geburtstage von Kindern auf der Facebook-Seite eines Elternteils rausgesucht, indem sie einerseits Softwareprogramme zur Altersbestimmung auf die öffentlichen Facebook-Bilder eines Elternteils anwandten. Diese Infos haben sie verknüpft und mit weiteren, komplett öffentlichen Infos gepaart –  damit kamen sie an die Adressen komplett fremder Kinder. 
Das ist gruselig. Wer deutschsprachig fachlich tiefer in das Thema Sharenting einsteigen mag, dem kann ich die Publikationen von Prof. Dr. Nadia Kutscher empfehlen. Sie ist Wissenschaftlerin an der Universität Köln, und hat u.a. fürs DKHW die Persönlichkeitsrechte von Kindern im Kontext der digitalen Mediennutzung in der Familie erforscht. (Zur Studie). 

NO GOs: Was sollten Eltern nicht posten?

No Gos sind Motive und Texte, die auch Jahre später zu Schamgefühlen bei Kindern führen können, weil sie emotionale Ausnahmezustände oder sehr intime Momente darstellen und/oder die Rechte von Kindern verletzen. Dazu gehören u.a.:

Kinderfotos im Netz

Welche Möglichkeiten haben wir also, um unsere Kinder zu schützen? 

Natürlich kann man nun entscheiden, selbst nichts zu posten, das würde natürlich den höchsten Schutz bedeuten. Es besteht aber auch die Möglichkeit, nicht mit Klarnamen im Netz unterwegs zu sein, auf Standortdaten und zu intime Bilder und Co zu verzichten, und erst dann über unsere Kinder schreiben/Bilder posten, wenn sie selbst die Entscheidungsfähigkeit besitzen. Ob und wie das alltagstauglich für die einzelnen Familien ist, die sich im Netz mit anderen Austauschen, ist eben die Frage. Aber auch da sei gesagt: Viele Themen kann man wirklich auch ohne Kinderfotos aufgreifen.

Ein Blick in die Zukunft

Was wir jetzt allerdings noch nicht erahnen: Unsere Kinder wachsen in öffentlichen, weniger privaten Zeiten auf, in denen sich viele Menschen ständig auf ihren Bildschirmen offenbaren. Mehr Digital Native geht nicht. Vielleicht also, dies als Gedanke, finden sie es später einmal gar nicht schlimm, weil sie eben in einer Welt groß werden, in der alle alles teilen. Weil das Teilen irgendwann ganz normal ist. Privatsphäre ist, wenn man die Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückblickt – ein fließender Begriff, der sich in seiner Definition immer verändert und an aktuelle Lebensformen angepasst hat. Unsere Kinder gehören einer anderen Generation an. Wir können nicht einschätzen, wie sie das alles später finden werden. Wir können aber dafür sorgen, dass sie so lange wie möglich geschützt sind, BIS sie eines Tages selbst entscheiden können.

Fazit

ALLES können Eltern nicht lösen. Es gibt Stellschrauben, da muss die Politik ran und die Anbieter so in die Pflicht nehmen, Moderationsmöglichkeiten einzuführen, Schutzmechanismen und Co. Wir Eltern sollten achtsam sein, aber wir müssen auch Druck ausüben: Auf die Politik. Auf Anbieter! Wir Eltern können nicht alles lösen, aber wir können unsere Kinder besser schützen. Austausch muss möglich sein. Nicht immer benötigt es dazu ein Foto, oft ist es aber hilfreich.

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